Die Wahrheit über Altkleider – ein vielschichtiger Stoff.
Am vergangenen Freitag wurde im NDR eine Reportage gesendet, als auch in der Zeitung „Die Zeit“ abgedruckt , die unter der plakativen Überschrift „Die Altkleider Lüge“ über den Handel mit Recycling –Textilien berichtet. Dieses vielschichtige Thema, dass Alle angeht, hat in der Tat eine größere Aufmerksamkeit verdient. Umso bedauerlicher ist es, dass die Autoren lediglich ein Schlaglicht auf einen Bereich werfen, in dem viele Bedürfnisse, Interessen und Anforderungen von regionale, nationalen und internationalen Akteuren berücksichtigt werden müssen. Sicherlich ist es in einer 30minütigen Reportage schwer möglich, alle Aspekte des Textilrecyclings zu beleuchten. Mit dieser Reportage ist jedoch ein Zerrbild der Realität entstanden. Dies ist insofern bedauerlich, als dass mit einer erheblichen Verunsicherung der Bürger und einem signifikanten Rückgang der Textilspenden zu rechnen ist.
Altkleiderspenden sind notwendig, richtig und wichtig!
Einige wichtige Aspekte des Textilrecyclings im Allgemeinen und der Altkleiderspende an Hilfsorganisationen im Speziellen werden in der Reportage entweder nicht beleuchtet oder falsch dargestellt:
• Der Hauptvorwurf der Autoren, auf den sich auch der Titel „Die Altkleider Lüge“ bezieht, zielt darauf, dass Hilfsorganisationen ihre Spender in dem Glauben lassen, dass die Altkleider direkt bedürftigen Menschen zugute kommen. Es ist vereinzelt immer noch so, dass Teile der Bevölkerung davon ausgehen, dass ihre abgetragene Kleidung ausschließlich in Kleiderkammern einer Weiterverwendung zugeführt wird. Die sammelnden Hilfsorganisationen wirken diesem Eindruck jedoch schon seit vielen Jahren entgegen, da er den Tatsachen nicht entspricht.
Zum einen hat sich das Konsumverhalten in Deutschland und Europa stark verändert. Kleidung wird wesentlich häufiger gewechselt. Einen „abgetragenen Zustand“ erreicht unsere Garderobe in den seltensten Fällen. Dadurch hat sich das Altkleideraufkommen stark erhöht. So dass wir aktuell von einem Neukonsum vom 24 kg / Bundesbürger p.a. ausgehen können.
Zum anderen ist es glücklicherweise so, dass nur sehr wenige Menschen in der Bundesrepublik auf Kleiderspenden angewiesen sind. Die Nachfrage nach Alttextilien in Kleiderkammern ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gesunken. Natürlich landen immer noch gespendete Alttextilen z.B. über Kleiderkammern direkt bei bedürftigen Menschen in Deutschland. Immer ausreichend, aber prozentual und auf das Gesamtaufkommen gesehen sehr wenig. Gehandelt wird somit vor allem der Überschuss der Alttextilien. Da es für Second Hand Bekleidung einen weltweiten Bedarf gibt und sich nach einer Studie aus England 70% der Weltbevölkerung gut erhaltener gebrauchter Bekleidung bedienen! Eine Tatsache, die die Autoren leider nicht in der Reportage erwähnen.
Auch in den weltweiten Krisengebieten kommen Altkleider nur in den seltensten Fällen zum Einsatz. Opfer von Erbeben, Hungersnöten und Überschwemmungen, wie z.B. nach dem Tsunami oder in Haiti benötigen zumeist andere kurz- und langfristige Hilfe und Unterstützung. Es ist uns kein Fall bekannt, in dem die Hilfsorganisationen den Eindruck erweckt haben, dass in Deutschland gespendete Altkleider bei internationalen Katastrophenlagen zum Einsatz kommen. Auch Medienberichte zu diesem Thema sind unbekannt.
Dennoch sind Altkleiderspenden ein enorm wichtiger Beitrag zur Hilfe vor Ort und in aller Welt. Millionen von Menschen sind auf eine die Unterstützung durch Hilfsorganisationen angewiesen. Auch das Sammeln von Altkleidern dient der Finanzierung dieser Anliegen. Jede Kleiderspende ist hierfür ein Beitrag.
Konkret bedeutet dies: Aus der Sachspende Altkleidung wird durch die Zusammenarbeit mit professionellen Partnern eine finanzielle Hilfe für die jeweiligen Aufgaben der Organisationen. Die so entstandenen freien Mittel stehen für die satzungsgemäßen Aufgaben der Hilfsorganisationen zur Verfügung. Anders gesagt: Mit einer Altkleiderspende bekommen die Hilfsorganisationen die Möglichkeit, ihre Arbeit fortzusetzen. Um dieses Prinzip deutlich zu machen, steht ein deutlicher Hinweis auf jedem unserer Sammelcontainern.
• Die Autoren der Reportage stellen zudem einen direkten Zusammenhang zwischen dem Zusammenbruch der ostafrikanischen Textilindustrie und den vor allem in Deutschland gesammelten Altkleidern dar. Sie gehen sogar so weit, die Hilfsorganisationen direkt für Armut und Hunger verantwortlich zu machen. Dies ist in seiner unzulässigen Verkürzung nicht nur nicht richtig, sondern auch gefährlich, da es direkte Auswirkungen auf die Arbeit und Ansehen der Organisation hat.
Die Textilindustrie in Ostafrika, so sie je in der Lage war, den heimischen Bedarf zu decken ist keineswegs durch Altkleiderspenden zerstört worden. Vielmehr haben Produzenten vor allem aus dem asiatischen Raum (hier vor allem China) den Markt mit billigen Textilien regelrecht überschwemmt. Die heimische Textilindustrie war weder preislich, noch strukturell in der Lage, diesem internationalen Druck standzuhalten. Ein weltweites Phänomen, das auch in Europa spürbar ist. Diese Entwicklung hat nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa und in den Erzeugerländern schwerwiegende Folgen. Der Gegensatz heimische Industrie oder europäische Altkleider wird in der Reportage bildstark bemüht, ist aber nicht richtig. Hinzu kommt, dass nachweislich viele Tausende Kleinhändler in Afrika von dem Handel mit Alttextilien leben. Deutlich mehr, als je in der afrikanischen Bekleidungsindustrie gearbeitet haben. So z.B. auch der Fachverband FairWertung in einer Studie von 2009.
Inzwischen ist es so, dass die Alttextilien der asiatischen Neuware vielfach wieder den Rang ablaufen. Viele bevorzugen bei gleichen oder sogar geringeren Preisen die bessere Qualität der europäischen Kleidung.
Da der Vorwurf des NDR nicht neu ist, haben ihn in der Vergangenheit mehrere internationale Studien untersucht und kommen richtigerweise zu einem anderen, differenzierteren Bild. Auch in den Medien fand dieses Thema immer wieder statt. So hat z.B. der Spiegel und SpiegelTV bereits 2006 eine längere und erhellende Reportage hierzu veröffentlicht. Diese Informationen sind beispielsweise im Internet frei zugängig. Es ist nicht zu vermuten, dass die NDR-Redakteure bei ihren Recherchen dies übersehen konnten – aber vermutlich wollten.
Das Sammeln von Altkleidern durch Hilfsorganisationen ist ein komplexer Vorgang der Vielen hilft und nachweislich Niemanden schadet. Es ist zudem Teil des einzigen sich selbst tragenden Systems des Recyclings in Europa, ohne Subventionen! Mit ihrem holzschnittartigen, verkürzten und daher tendenziösen Bericht sind die NDR-Redakteure weder dem Thema, noch den Beteiligten hier wie dort gerecht geworden. Eine vergebene Chance und im Wesentlichen - die eigentliche Lüge!
