Heute machen wir Hosen für Kamerun
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11. Dezember 2011
hier können Sie den Artikel downloaden
Der Inhalt von Altkleider-Containern geht auch in arme Länder. Nicht als milde Gabe, sondern als Handelsware. Trotzdem tun Kleiderspenden
Gutes - indirekt.
VON FLORENTINE FRITZEN
MERKERS. Rainer Binger muss sich oft verteidigen für das, was er tut. Dabei ist es eigentlich eine gute Sache, die sozialen Zwecken dient, Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen schafft und außerdem noch die Wasservorräte der Erde schont. Rainer Binger ist Textilrecycler. Sein Unternehmen verdient Geld mit Altkleidern. Und da kommen Gefühle ins Spiel.
Denn viele Leute haben zu ihrer Kleidung, was Binger „einen sozial-emotionalen Link“ nennt: Es ist ihnen nicht egal, was mit der lang geliebten, aber abgetragenen Jacke geschieht. Oder mit den Jeans, in denen man so viel erlebt hat, deren Schnitt aber nicht mehr zeitgemäß ist. In die Mülltonne werfen? Bloß nicht, das Stück könnte doch noch etwas Gutes tun. Könnte weiterleben, in Afrika oder einer deutschen Plattenbausiedlung. Aber so einfach ist es nicht.
In Bingers Unternehmen wandert ungefähr die Hälfte aller Altkleider in den Schredder. Von der anderen Hälfte landet zwar tatsächlich ein Gutteil in Dritte-Welt-Ländern, allerdings nicht als milde Gabe, sondern als Handelsware. Fast alle Altkleider aus Containern oder den Straßensammlungen im Frühling und im Herbst werden verkauft, an Unternehmen wie die FWS mit Sitz in Bremen, deren Geschäftsführer Rainer Binger ist. Auch karitative Organisationen zweigen nur einen sehr geringen Teil aus ihren Sammlungen für lokale Kleiderkammern ab. Der Rest geht an Textilrecycler, bei gewerblichen Aufstellern sogar der komplette Inhalt der Container. Die FWS zahlt im Schnitt 250 Euro pro Tonne Klamotten.
Binger nennt das „die Umwandlung einer Sachspende in finanzielle Hilfe“. Auch für das Rote Kreuz ist eine Kleiderspende wie eine Geldspende, weil mit den Erlösen aus der Altkleidersammlung soziale Aufgaben finanziert würden, „beispielsweise Suppenküchen, Besuchsdienste für ältere oder kranke Menschen, Kältebusse oder Ähnliches“. Die Altkleidersammlung sei „eine wichtige Säule zur Finanzierung unserer gemeinnützigen Arbeit“. Ähnlich heißt es bei den Maltesern, man sehe den karitativen Zweck gewahrt, weil die Erlöse in ehrenamtliche Dienste für Bedürftige flössen.
Rainer Binger ist an diesem Tag in Merkers, einer kleinen Stadt in Thüringen nahe der Grenze zu Hessen. Dort hat die Alta-West GmbH ihren Sitz, eine Tochter der FWS. Sechzig Leute arbeiten in der Sortieranlage. Binger steht neben einem riesigen Metallkäfig voller praller Plastiksäcke in einer Halle. Früher war hier das Salzlager eines Kalibergwerks. Die Säcke sind gerade angekommen, drei Lastwagen rollen im Schnitt am Tag auf den Hof. Auf jedem Beutel steht in großen Lettern das Wort „Grazie“. Altkleider werden nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus Italien, Österreich und sogar aus Island hierher gekarrt. Die FWS betreibt sieben Altkleider-Sortieranlagen: zwei in Thüringen, eine in Bremerhaven, die anderen in Holland und Belgien.
Gabriele Arnold macht den Job in Merkers grundsätzlich gern, aber er ist nicht nur schön. Wobei es die 51 Jahre alte Frau nicht stört, acht Stunden am Tag auf einem Podest in einer kühlen Halle zu stehen. „Es ist doch viel besser, man kommt heim und ist kaputt, als wenn man nur herumgelungert hat.“ Aber an manchen Tagen sind Sachen in den Säcken, Damenwäsche, Herrenwäsche, die will Frau Arnold gar nicht beschreiben. „Unter aller Sau.“ Essensreste sind auch nicht selten, vor zwei Tagen steckte ein Ballen Stroh zwischen den Klamotten. Aber es gibt auch die guten Momente. Das Adidas- Shirt zum Beispiel, tadellos. Frau Arnold hält es ein wenig länger in den Händen. „Das ist Marke, das schmeißen wir zu Nostalgie.“
„Nostalgie“ ist eine von 48 Kategorien, die sie und die anderen Sortiererinnen kennen müssen. Jede Frau steht auf einem Podest, über jedem Podest thront ein roter Metalllkäfig. Eine Tonne Altkleider fasst er, drei davon schafft Gabriele Arnold am Tag. Ist der Käfig leer, bindet sie die Gittertür mit Krawatten zu und ruft „Nachschub!“ Dann kommt ein Gabelstapler und bringt einen neuen, vollen Käfig. Rund um die Podeste stehen Trolleys, blaue Plastiktonnen und Gestelle mit aufgespannten Säcken, für jede Kategorie gibt es einen Behälter. Kinder-Sommerkleider kommen zu „Baby dünn“, Wintersachen zu „Baby dick“, Gürtel, Taschen und Mützen zu „Gürtel, Taschen, Mützen“. Sortiert wird nach Bekleidungsart und nach Zustand. Die Frage lautet nicht: Ist etwas noch brauchbar? Sondern: Ist etwas noch tragfähig?
Was nicht mehr tragfähig ist, kommt zum Beispiel zu ‚ ”Weißputz“, wenn es weiß ist, oder zu „Blauputz“, wenn es aus Jeansstoff ist. Diese Sachen werden an Spezialfirmen verkauft, die den Stoff reißen, schreddem und recyceln. Etwa die Hälfte aller Altkleider verwandelt sich so in Putzlumpen, Bezüge von Hutablagen, das Innere von Polstermöbeln, Dämmmaterial. Oder in Brennstoffe wie Pellets: Textilien haben einen hohen Heizwert. Die Wiederverwertungsquote von Altkleidern, sagt FWS-Geschäftsführer Binger, liege bei fast hundert Prozent. Außerdem schone man Ressourcen, weil viel weniger Wasser verbraucht werde als in der Baumwollproduktion.
Ist ein Beutel mit dem Teppichmesser aufgeritzt, fasst Gabriele Arnold mit beiden Händen das erste Stück, zieht es auseinander, die Hosen immer im Schritt. Ist der erste Eindruck gut, schaut sie nach innen. Ist das Stück dort sauber, fischt sie nach dem Saum. Ist er intakt, kommt das Stück zu „gute Ware“ oder sogar zu „ganz gute Ware“. Ist etwas undefinierbar, wirft Frau Arnold es in irgendeinen Korb. Vielleicht können ja die Kolleginnen beim Nachsortieren in der Nachbarhalle etwas damit anfangen. Die kennen nicht bloß 48, sondern 250 Kategorien. Nach zwei, drei Minuten ist wieder ein Sack leer. Die zerknüllte Tüte kommt zu Plaste. Daraus machen sie in China und Taiwan Fleece.
Wenn die Sortiererin etwas besonders Schönes hervorzieht, sagt sie: „Da freut sich der Chef.“ Der Chef in Merkers heißt Gunther Krippendorf und freut sich am meisten über Kleidung jener Kategorie, die Frau Arnold „Nostalgie“ nennt. Er sagt „Vintage“ dazu: „Das dauert Monate, bis so eine Box voll ist.“ Krippendorf nimmt eine Levi‘s 501 aus einem fast leeren Behältnis. Diese am besten erhaltenen Sachen, die auch noch cool aussehen, werden an deutsche Second-Hand-Läden verkauft - sie bringen das meiste Geld. Nur anderthalb Prozent der Altkleider landen dort. Die anderen noch tragfähigen Kleider gehen nach Asien, Afrika, Südamerika.
Krippendorf verkauft die Sachen, gepresst und mit Ösendraht festgezurrt, vor allem nach Afrika. Im Augenblick gibt es viel zu viele Damenblusen. „Da legt man richtig drauf, das tut richtig weh.“ Überhaupt herrscht ein Überangebot an Frauenkleidern, weil Frauen in Europa weit mehr Klamotten kaufen und wegwerfen als Männer. In Afrika wollen sie aber vor allem Männerkleider. Wobei Afrika nicht gleich Afrika ist. „Wenn ich sage, heute machen wir Hosen für Kamerun, dann wissen die Mitarbeiterinnen Bescheid“, sagt Krippendorf. Viele sind seit zehn, 15 Jahren dabei. Sie haben gelernt, dass, was sich nach Togo verkaufen lässt, vor Kameruner Händlern vielleicht nicht bestehen kann. Sie wissen, dass Baumwoll-Kittelschürzen in der Ukraine viele Kunden finden und Kunststoff-Kittelschürzen in Ghana gefragt sind.
Die FWS bevorzugt nach eigenen Angaben Altkleider aus Containern karitativer Einrichtungen, kauft aber auch von gewerblichen Anbietern. Dass es immer mehr kommerzielle Container gibt, führt man auf die klammen Kassen der Kommunen zurück: „Werden Ausschreibungen für die Vergabe von Container-Standorten gemacht, zahlen die gewerblichen Anbieter oft besser.“ Die karitativen Einrichtungen spüren zudem den Druck der Verbraucher, unter denen sich langsam herumspricht, dass abgelegte Stücke nicht mehr so unmittelbar wohltätigen Zwecken dienen, wie das noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Der Bundesverband des Deutschen Roten Kreuzes will seinen Mitgliedsverbänden demnächst einen Leitfaden für eine „transparentere Kommunikation mit Kleiderspendern“ vorlegen, damit „Kleiderspender Klarheit darüber erhalten, was mit den von ihnen gespendeten Sachen passiert“. Auch bei den Maltesern heißt es: ”Wir lassen keine Gelegenheit aus, dieses Altkleider-Missverständnis aufzuklären.“
